Über das TJO-Projekt TOM SAWYER

Die Arbeit an Tom Sawyer war von sehr besonderer Natur. Sie ist womöglich der Abenteuerreise, die die jungen Protagonisten der Geschichte begehen, nicht unähnlich.

 

Zunächst standen sich bei der Lektüre der vorliegenden Materialien folgende Beobachtungen gegenüber: Auf der einen Seite befand sich der weltberühmte Roman von Mark Twain aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, welcher in seiner Zeit vor allem durch seine grenzüberschreitende Sprache Bekanntheit erlangte, auf der anderen Seite stand die musikalische Adaption eben dieses Romans von Jonathan Elkus aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, welche sich eine kindgerechte musikalische Abbildung der Geschichte zur Aufgabe gemacht hatte. In der Mitte befand ich mich als junger Mensch des 21. Jahrhunderts mit einer sehr großen Gruppe engagierter und musikalischer Jugendlicher und sollte als Regisseur darüber entscheiden, welche Aspekte des Materials erzählenswert sind.

 

Ein wichtiger, womöglich der wichtigste Gedankenstrang bei Mark Twain ist die Gesellschaftskritik, die sich in Form der Grenzübertretungen und Ausbruchsversuche der jungen Menschen in Tom Sawyer äußert. Mark Twain stellt hier auf eine äußerst amüsante und unterhaltsame Art und Weise die existenzielle Frage danach, auf welchen moralischen Grundsätzen wir unsere Gesellschaft gestalten möchten und wie es um das Verhältnis von Zwängen zu Freiheiten steht. Diese Fragen erschienen mir bei der thematischen Auseinandersetzung von besonderer Bedeutung zu sein, zumal ich mich mit Jugendlichen konfrontiert sah, die sich ebenfalls in Systemen befanden, die zu ihrer Optimierung, nicht aber zu ihrer persönlichen Entfaltung beitragen sollten. Menschen in ihrer wichtigsten Entwicklungsphase, die hauptsächlich mit den praktischen, nicht aber mit den sinnlichen Bereichen des Lebens konfrontiert sind, obwohl doch gerade diese eine entwickelte Persönlichkeit ausmachen.

 

In der Arbeit auf der Bühne machte ich aus der bei Mark Twain beschriebenen Gesellschaft ein Geisterhaus oder ein Kinderheim, in dem die Erwachsenen herrschaftlich und autokratisch das Geschehen bestimmen: Vielleicht in Anlehnung an Erziehungsmodelle der 50er Jahre, vielleicht inspiriert von dunklen cineastischen Kunstwerken des 21. Jahrhunderts. Hier wurde ich mit der Frage konfrontiert, wie viel Tiefe und Schmerz in der Arbeit mit Jugendlichen in Ordnung ist und wo die Grenzlinien zwischen Verantwortung und Kunst verlaufen. Da das Material genau bei diesem Grenzbereich ansetzt, wollte ich die künstlerische, soziologische und pädagogische Auseinandersetzung mit dieser Frage allerdings nicht scheuen und entschied mich, sie im Prozess immer wieder neu zu stellen.

©N. Klinger
©N. Klinger

Mich interessiert am Theater, wie die Biographien der Darstellenden, die Darstellung in Zeit und Raum und die zu erzählende Geschichte zueinander finden. Um die jungen Menschen aus ihrer verkopften, leistungsorientierten Denkweise etwas herauszuführen und mit ihrer kreativen, spielerischen Seite zu konfrontieren, beschäftigten wir uns in den ersten Probenwochen mit unterschiedlichen Spielen. Dabei sollten vor allem sehr einfache und „sinnlose“ Spiele wie z.B. das Versteckspiel von besonderer Bedeutung sein. Als die meisten Jugendlichen bereit waren sich spielerisch auszuprobieren, konnten wir mit der szenischen Arbeit beginnen, die ja im Prinzip nichts anders ist als eine spielerische Auseinandersetzung mit sich selbst, den anderen und einem Stück, auf einem von der Regie vorgegeben Spielplatz, in unserem Fall eben im Geisterhaus.

 

Im Spiel miteinander und mit dem inhaltlichen und musikalischen Material wurde die Befreiung aus einer Welt, die vorgegeben scheint, nicht nur zum Narrativ des Theaterabends, sondern auch zur Erzählung des Prozesses der Individuen auf der Bühne. Das eine (der narrativ künstlerische Bereich) sollte bei einem gelungenen Theaterabend mit Laien nicht schwerer wiegen als das andere (der pädagogische Bereich), aber besonders bereichernd ist es, wenn sich die Bereiche nicht feindlich gegenüber stehen, sondern einander bedingen.

 

Für mich ist dieses Projekt ein Beweis dafür, dass sich große künstlerische und didaktische Thesen nicht widersprechen müssen, sondern dass es eben diese braucht, um gemeinsam erfolgreich neue Terrains zu begehen. Und in diesem Punkte fallen Sinn und Zweck von Kunst und Bildung doch schließlich zusammen.

 

Philipp Rosendahl

Regisseur