Workshops

In gemeinsamer Arbeit mit unseren Kooperationspartnern wurden zahlreiche Workshops für die TJO-Mitwirkenden und Schülerinnen und Schüler in und um Kassel durchgeführt. Während der Workshops wurde mit den Kindern und Jugendlichen über den Holocaust, Ausgrenzung, Menschenhass und Toleranz gesprochen. Diese Inhalte wurden an Bespielen einzelner Schicksale und vor allem durch Kunst und Musik einfühlsam vermittelt. Der historische Hintergrund sollte nicht nur Geschichte bleiben, sondern einen Bezug zu heute bekommen und zum Nachdenken anregen, wie wir miteinander umgehen und wie wir unsere Zukunft gestalten wollen.


Seminar zu BRUNDIBÁR am Institut für Musik der Universität Kassel

Theresienstadt heute. ©Benedikt Limp
Theresienstadt heute. ©Benedikt Limp

Bevor wir im Rahmen des Seminars an der Universität Kassel Vermittlungskonzepte für eine Thematisierung der Oper BRUNDIBÁR in Schulklassen erarbeiteten, setzten wir uns zunächst intensiv mit dem Entstehungskontext des Werks auseinander. Vorbreitend führte uns Elena Padva im Sara Nussbaum Zentrum sehr anschaulich in jüdische Bräuche und Traditionen ein und informierte uns über das jüdische Leben in Kassel bis zur Verfolgung im Nationalsozialismus. Auch aus Kassel wurden Juden in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo Hans Krásas Oper BRUNDIBÁR über 50-mal aufgeführt wurde. Eine Exkursion führte uns ins tschechische Theresienstadt und wir erhielten Eindrücke vom damaligen Leben im Ghetto. Besonders bewegend waren die vielen Bilder und Zeichnungen (auch von Kindern), die in Theresienstadt entstanden und Alltagsmomente festhielten, sowie Berichte von Zeitzeugen aus Dokumentarfilmen zur Oper BRUNDIBÁR und der Musikkultur in Theresienstadt. Dass hier eine Form von Kultur- und auch Schulbetrieb möglich war, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das völlig überfüllte Lager für die meisten Gefangenen nur eine Station auf dem Weg zur Vernichtung darstellte.

Arrangement von Benedikt Limp
Arrangement von Benedikt Limp

Maria Radzikhovskiy ließ uns »hinter die Kulissen« (unter anderem Requisite, Maske, Bühne) der sehr fantasievoll gestalteten Kasseler Produktion schauen – hervorragend gespielt durch das Theater-Jugendorchester und gesungen von SängerInnen des Kinder- und Jugendchors CANTAMUS am Staatstheater Kassel. Außerdem führte uns Maria Radzikhovskiy in die musiktheaterpädagogische Arbeit und Angebote des Staatstheaters Kassel ein, unter anderem indem wir an einem ihrer Workshops teilnahmen. Unter der Leitung von Prof. Dr. Frauke Heß und Maria Radzikhovskiy arrangierten wir Auszüge der Kinderoper für ein Musizieren in Schulklassen, wir erstellten Unterrichts- beziehungsweise Workshopmaterialien, entwickelten literaturbasiert Aufgaben zur szenischen und musikalischen Improvisation und erprobten deren Umsetzbarkeit im Seminar. Die Ideen waren vielfältig: Es entstanden Warm-ups, Klanginstallationen, Stücke für Orff-Instrumente, Anregungen zu Standbildern und Improvisationen, Reflexionsaufgaben etc. Für uns als angehende MusiklehrerInnen war diese Arbeit sehr anregend und nützlich. Schließlich ermöglichte uns Maria Radzikhovskiy, sie bei den Workshops an Schulen zu begleiten und zu unterstützen.

Das Seminar eröffnete mir mit der musiktheaterpädagogischen Arbeit praxisnah einen Bereich innerhalb der Musikpädagogik, dem ich während des Studiums zuvor noch nicht begegnet war. Außerdem lernte ich eine (Kinder-) Oper kennen, die durch ihren Inhalt, die zugängliche Musik und ihren Hintergrund SchülerInnen verschiedener Altersstufen eine theoretische wie auch praktische Auseinandersetzung ermöglicht. Ich danke Maria Radzikhovskiy, Frauke Heß und Elena Padva für die vielen Erfahrungen und Anregungen!

 

Benedikt Limp

Seminarteilnehmer


Beeindruckendes Brundibár-Projekt am Ev. Fröbelseminar

Die SchülerInnen und Studierenden des Ev. Fröbelseminars Kassel durften in 2019 an einem besonders wichtigen, spannenden und aufrüttelnden Projekt teilnehmen: BRUNDIBÁR – entsprechend der gleichnamigen Kinderoper, die der tschechisch-jüdische Komponist Hans Krása 1941 komponierte und die rund 55-mal im jüdischen Ghetto Theresienstadt aufgeführt und von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda missbraucht wurde.

 

Wir waren dankbar dafür, dass wir die Musikpädagogin Maria Radzikhovskiy vom Staatstheater Kassel und Elena Padva, Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums für Jüdisches Leben in Kassel, für die Kooperation gewinnen konnten. Unsere künftigen SozialassistentInnen und ErzieherInnen waren über viele Wochen in Workshops, auf Exkursionen, Führungen, Diskussionsrunden und mit eigenen kreativen Arbeiten gefragt in der Auseinandersetzung mit Themen wie Toleranz, Ausgrenzung, Identität, Menschenrechte und Respekt – stets gut betreut und fachlich excellent begleitet von den beiden Expertinnen.

 

Besonders eindrucksvoll war der Stadtrundgang unserer HBSA-Grundstufen im April 2019 an Plätze jüdischen Lebens. Sie erfuhren, dass Anfang des 20. Jahrhunderts ca. 3.000 jüdische Menschen in Kassel lebten. Was ihnen später zu Zeiten des grausamen, menschenverachtenden Nationalsozialismus geschah, davon zeugen heute noch Spuren.

Die SchülerInnen erfuhren viel Neues, z. B. von Stolpersteinen (auf dem Königsplatz), lasen eingravierte Namen von deportierten und ermordeten Juden am Gleis 14 (Kulturbahnhof), lernten den Friedrichsplatz als Ort der Bücherverbrennung im Mai 1933 kennen oder beschäftigten sich mit der Geschichte des umgedrehten Aschrottbrunnen am Rathaus.

Vor allem bewegte die jungen Menschen eine Frage: Wie können wir selbst beitragen und Solidarität zeigen, damit Antisemitismus und Fremdenhass in Deutschland, in Europa, weltweit keine Chance haben.

 

Der Höhepunkt des Projektes BRUNDIBÁR war zweifelsohne der Besuch des Schauspielhauses am Staatstheater Kassel im Juni 2019: 250 SchülerInnen und Studierende des Ev. Fröbelseminars Kassel sahen die Aufführung der gleichnamigen Kinderoper von Hans Krása, der das Stück nach seiner Deportation 1942 in das KZ Theresienstadt schrieb - und waren schwer beeindruckt.

 

Mit dem Besuch im Theater endete das über mehrere Monate laufende Projekt, in dem sich die Auszubildenden mit der Hintergrund- und Aufführungsgeschichte in verschiedenen Workshops des Staatstheater Kassel in Kooperation mit dem Sara Nussbaum Zentrum für jüdisches Leben vielfältig auseinandersetzten.

 

Ein großer Dank geht an die beiden Projektleiterinnen, Maria Radzikhovskiy, musikalische Leiterin des TJO-Projektes BRUNDIBÁR, und Elena Padva, Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums, für ihre mitreißende Art, ihre Kompetenz, ihre Leidenschaft und ihr pädagogisches Geschick, die Begegnung mit Kunst, Geschichte und Erinnerungskultur einladend zu gestalten.

 

Grit Finauer

Ev. Fröbelseminar

©Grit Finauer


Ein besonderer Workshop zur Kinderoper Brundibár

Hofgeismarer Kinder auf einer Zeitreise in das Ghetto Theresienstadt

von Julia Drinnenberg (Stadtmuseum Hofgeismar)

Zwölf Kinder der Brüder-Grimm-Schule in Hofgeismar beugen sich über einen großen Stadtplan mit den eindrucksvollen Umrissen der ehemaligen Bastion Theresienstadt, wie sie seit ihrer Entstehung im 18. Jahrhundert aussieht.

 

Die deutschen Straßennamen weisen auf die Zeit, als Theresienstadt ein Ghetto für Juden war, ein Konzentrationslager nicht weit von Prag entfernt und für viele tausend Menschen eine Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager. Die Hofgeismarer Schüler wollen die Kasseler Inszenierung der Kinderoper BRUNDIBÁR besuchen. Sie möchten aber vorher erfahren, welche Geschichte diese Oper hat, und vor allem, wie die damaligen jungen Darsteller in Theresienstadt gelebt haben und was ihnen die Oper damals bedeutete.

 

 

Das kleine Modell eines Gebäudes auf dem Stadtplan markiert die Magdeburger Kaserne. Hier wurde die Kinderoper Brundibár damals aufgeführt.
Das kleine Modell eines Gebäudes auf dem Stadtplan markiert die Magdeburger Kaserne. Hier wurde die Kinderoper Brundibár damals aufgeführt.

Gabriele Hafermaas und Julia Drinnenberg, Mitarbeiterinnen der Jüdischen Abteilung im Stadtmuseum Hofgeismar, haben diesen Plan von Theresienstadt gezeichnet und kleine Modelle für einige der Gebäude darauf gestellt: Zum Beispiel das Heim für die Mädchen und die ehemalige Schule, in der die Jungen untergebracht waren, oder die Hohenelber Kaserne, die als Krankenhaus diente.

 

Nach und nach bekommen die Kinder einen Einblick in das Leben jüdischer Kinder der damaligen Zeit.


Es sind die Tagebucheinträge und Erzählungen von Überlebenden. Helga Polaks Tagebuch nimmt die Schülerinnen und Schüler mit auf eine Zeitreise, wie sie ihre geliebte Stadt Prag verlassen muss und nach Theresienstadt deportiert wird, welche Prozedur sie in der »Schleuse«, der Hamburger Kaserne, über sich ergehen lassen muss, um registriert zu werden. Danach wird sie getrennt von ihren Eltern im Zimmer 28 des Mädchenheims untergebracht.


Das Leben in Theresienstadt ist geprägt von Hunger, Ungeziefer, Schmutz, bedrückender Enge ohne Privatsphäre, von der alltäglichen Begegnung mit Krankheit und Tod und vor allem von der Angst vor dem Transport, von dem niemand zurückkehrt. Dieser Ort auf der Karte, die »Bahnhofstraße«, ist mit Eisenbahnschienen markiert und dem kleinen Modell eines Viehwaggons. Darin wurden die Menschen in die Vernichtungslager verschleppt.


Die Hofgeismarer Kinder hören zu ihrem Erstaunen aber auch die Berichte von großer Solidarität unter den Kindern, von ihrem heimlichen Schulunterricht, von der Herstellung einer eigenen Zeitung. Unter den elenden Lebensbedingungen entstanden Gedichte, wurden Bilder gemalt, Theater und Musik gemacht als Zeichen dafür, dass sie kämpfen und ihren Lebenswillen nicht verlieren wollten.


Die Zeitreise endete mit der persönlichen Geschichte Vera Naths, die als Mädchen im Zimmer 28 in Theresienstadt lebte und die den Holocaust mit den Eltern und ihrer Schwester überleben konnte. Vera Nath, verheiratete Kreiner, lebt heute 89-jährig in Ramat Gan, Israel. Die Hofgeismarer Kinder hatten das Glück, mit ihr in Kontakt treten zu können und Briefe mit ihren Gedanken und Fragen an sie schicken zu dürfen. Vera Kreiner ist eine der letzten Zeitzeugen, die diese Fragen aus eigener Erfahrung beantworten kann.

Vera Kreiner mit ihrer Tochter Hagit und dem Sohn Amos (Foto Avivit Kreiner)
Vera Kreiner mit ihrer Tochter Hagit und dem Sohn Amos (Foto Avivit Kreiner)

Dass Vera ihre Schildkröte bei der Flucht vor den Deutschen zurücklassen musste, beschäftigte einige der Kinder. Auch dass Vera und ihre Familie durch den Einmarsch der Deutschen ein Schiff nach Chile verpassten, das dann auf eine Mine lief und explodierte.

 

Die Bedeutung der Freundschaft unter den Mädchen in Theresienstadt war ein weiteres Thema der Briefe: »Wie war es Freunde zu haben, wenn sie jeden Tag abtransportiert werden konnten?«

»Wir fragen uns, ob es Ihnen geholfen hat, Ablenkung zu finden in dieser zerbrechlichen Welt«, schreibt Jason.

Oder: »Gab es etwas, was Ihnen geholfen hat, jeden Tag aufzustehen und weiterzumachen?«

»Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Leben«, schrieben die Kinder mit ihren Grüßen aus Hofgeismar.

Vera Kreiner und ihre Schwiegertochter Avivit beim Lesen der Briefe aus Hofgeismar
Vera Kreiner und ihre Schwiegertochter Avivit beim Lesen der Briefe aus Hofgeismar

Am 17. Juni kam die mit Spannung erwartete Post aus Israel bei den Kindern an. Jedes Kind bekam einen eigenen Brief, in dem Vera Kreiner alle Fragen beantwortete.

Ausführlich beschreibt sie darin, wie sie mit vier Familien zusammengepfercht in einer Wohnung in Prag leben musste, wie sie versuchte einen Hund weit vor der Stadt auszusetzen, weil sie ihn nicht den Nazis übergeben wollte. Der Hund war allerdings schon vor ihr wieder in der Wohnung. Er war den weiten Weg zurück gelaufen.

Welche Bedeutung es für sie hatte, inmitten des Elends in Theresienstadt Musik zu hören und mit den anderen Kindern wieder und wieder die Oper BRUNDIBÁR zu besuchen, schildert Vera Kreiner eindringlich.

Ja, auch konnte sie trotz der engen Verhältnisse gut schlafen, antwortet sie auf die Frage eines Kindes, weil die Mädchen in Zimmer 28 jeden Abend vor dem Löschen des Lichts gemeinsam ein Lied sangen. Jeden der Briefe schließt Vera Kreiner mit den Worten:


»Ich wünsche dir Gesundheit und ein glückliches Leben. Mögen deine Träume in Erfüllung gehen.«


Die Beteiligten des Projekts fühlten sich beschenkt. Vera Kreiner hatte sich nicht nur Zeit genommen, sondern hatte sich mit großem Einfühlungsvermögen mit den Fragen der Kinder auseinandergesetzt. Das folgende Bild wurde als Dank nach Israel geschickt.

Von links: Gabriele Hafermaas (Mitarbeiterin, Stadtmuseum Hofgeismar) Luca, Jan, Connor, Taylor, Julian, Mark Meusel (Klassenlehrer), Natascha, Emily, Sophie, Julia Drinnenberg (Mitarbeiterin, Stadtmuseum Hofgeismar) – es fehlten Jason, Jannik und Lisa
Von links: Gabriele Hafermaas (Mitarbeiterin, Stadtmuseum Hofgeismar) Luca, Jan, Connor, Taylor, Julian, Mark Meusel (Klassenlehrer), Natascha, Emily, Sophie, Julia Drinnenberg (Mitarbeiterin, Stadtmuseum Hofgeismar) – es fehlten Jason, Jannik und Lisa

 

Hier die Antwort aus Ramat Gan:


Shalom, Thank you for sharing this extraordinary experience with us.
I was really moved. Be well, take care and best wishes to all the wonderful Kids who took part in this project. Please keep in touch, Avivit

 

Gleich am nächsten Tag folgte ein zweistündiger Workshop mit Maria Radzikhovskiy zur musikalischen Einführung in die Oper Brundibár. Spielerisch erkundeten die Kinder die Möglichkeit des darstellenden Spiels, fanden Kostüme und Requisiten vor und schlüpften schließlich in die Rollen der Oper: Aninka, Pepicek, Brundibár und alle anderen Protagonisten. So »erspielten« sie sich die gesamte Geschichte der Oper. Die Kinder waren selber erstaunt, wie schnell sie ihre anfängliche Skepsis und Verlegenheit vergessen hatten und wie schnell zwei wunderbare Stunden verflogen.

 

In der kommenden Woche werden die Kinder der Klasse 7 der Brüder-Grimm-Schule zum ersten Mal eine Oper erleben. Mit dem Wissen um die Geschichte der Oper BRUNDIBÁR von Hans Krása und durch die Freundschaft zu Vera Kreiner, die von Brundibár in Theresienstadt berichten konnte, wird für sie die Oper ein unvergessliches Erlebnis sein.


Julia Drinnenberg