15. Theater-Jugendorchester-Projekt

Brundibár

Kinderoper in zwei Akten

Komponist: Hans Krása
Text: Adolf Hoffmeister

Die Geschichte könnte von Erich Kästner sein. Denn sie handelt von traurigen Kindern und davon, wie Gemeinschaftssinn diese Kinder wenigstens für einige Augenblicke in glückliche verwandelt. Wie Aninka und Pepiček. Die Geschwister wollen für ihre kranke Mutter Milch kaufen, die sie so dringend benötigt. Doch der Milchmann ist ein harter Hund. Ohne Geld keine Milch. Anls Aninka und ihr Bruder den Leierkastenmann Brundibár dabei beobachten, wie er mit seiner Musik Münzen einsammelt, beschließen sie, es ihm gleich zu tun. Aber niemand ist da, der ihrem Gesang zuhören möchte. Schlimmer noch: Brundibár, der in den Kindern eine Konkurrenz sieht, schickt sie fort. Nun hilft märchenhafte Magie. In der Nacht erscheinen ein Spatz, eine Katze sowie ein Hund und bieten Aninka und Pepiček ihre Hilfe an. Am nächsten Morgen werden alle Kinder der Nachbarschaft zusammengetrommelt, gemeinsam vertreiben sie Brundibár. Als der dann versucht, das Geld, das die Kinder nun mit ihrer Musik einnehmen, zu stehlen, wehren ihn alle gemeinsam mit den Tieren ab. Brundibár zieht enttäuscht ab, die Sieger triumphieren.

 

Christian Steinbock

 

Brundibár in Theresienstadt und danach

»Angst vor dem Ungewissen hatte ich immer«, gestand Greta Klingsberg, die vierzehnjährig 1943 und 1944 im Getto Theresienstadt (= Terezín) an mehr als 50 Abenden in der Oper »Brundibár« die Hauptrolle der Aninka sang. »Aber wenn man auf der Bühne stand, konnte man das abhaken und war in einer ganz anderen Welt.« Greta Klingsberg zählt zu den wenigen Kindern, die Theresienstadt, Auschwitz, Todesmärsche und damit den Holocaust überlebten. Heute lebt sie in Jerusalem und sieht es auch 72 Jahre nach Kriegsende als ihre Bestimmung an, ihre Erfahrungen über das Grauen, das sie erlebt hat, aber auch die Hoffnungen, die sie mit »Brundibár« verband, an spätere Generationen weiter zu geben.

 

Was Greta Klingsberg gelang, war dem Komponisten von »Brundibár« nicht vergönnt. Hans Krása, geboren am 30. November 1899 in Prag, jüdischer Herkunft und Schüler von Alexander von Zemlinsky und Albert Roussel, entging der Todesmaschinerie der Nationalsozialisten nicht. Am 10. August 1942 wurde er in Theresienstadt interniert, wo er, der zuvor als Korrepetitor am Deutschen Theater in Prag engagiert war, die Leitung der Musiksektion übernahm, als Teil der von den Nazis ab Februar 1942 diktierten »Freizeitgestaltung«. Krása trug maßgeblich dazu bei, dass Kunst und Kultur im tristen und grausamen Lageralltag immer noch einen Stellenwert hatten. Er musste jedoch auch mit ansehen, wie die Nazis seine und die Arbeit anderer Künstler für ihre Zwecke missbrauchten. »Brundibár« wurde nun Teil des bösartig-zynischen NS-Propagandafilms »Theresienstadt – Der Führer schenkt den Juden eine Stadt«, der der Weltöffentlichkeit vorgaukeln sollte, das maßlos überfüllte Lager sei nichts weiter als ein Ort der Glückseligkeit, frei von Gewalt und weit weg vom Krieg. Nachdem die Oper im Zuge der Dreharbeiten vor einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes offiziell ein letztes Mal aufgeführt worden war, ließen die Nazis alle vorgetäuschte Menschenfreundlichkeit fahren und es geschah das Unvermeidliche: Im Oktober 1944 wurden Krása und viele andere Künstler und Mitglieder des »Brundibár«-Ensembles nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. (Dieses Schicksal ereilte auch den Regisseur des Films, den deutsch-jüdischen Schauspieler Kurt Gerron, der vielleicht gehofft hatte, durch seine Arbeit der Deportation und dem Tod zu entgehen.)

 

Mit »Brundibár« (zu Deutsch: »Die Hummel« oder »Der Brummer«) hinterließ Krása der Nachwelt ein Werk von besonderer Bedeutung, ein zeitloses Plädoyer für Freiheit, Freundschaft und Gerechtigkeit, frei nach den allseits bekannten Leitgedanken: Nur gemeinsam ist man stark und nur in der Gemeinschaft lässt sich das Böse überwinden. Und wer mit dem bösen Brundibár tatsächlich gemeint war, war, obwohl nie ausgesprochen, allen Zuschauern in Theresienstadt nur allzu klar: Adolf Hitler höchstpersönlich. Krása hatte das Werk bereits 1938 im Zuge eines Wettbewerbs des Ministeriums für Schulwesen und Volksbildung zu Papier gebracht. Der Text stammte von seinem Freund Adolf Hoffmeister (1902 – 1973), der unter anderem als Maler, Illustrator, Bühnenbildner und Journalist tätig war und der den Holocaust im Exil überlebte.

 

Doch zu einer Wettbewerbsentscheidung kam es aufgrund des Einmarsches deutscher Truppen in die Tschechoslowakei nicht mehr. Bevor »Brundibár« in Theresienstadt 55 Mal über die Bühne ging, kam es zuvor nur zu einer einzigen Aufführung – einer heimlichen Uraufführung – die zum Jahreswechsel 1942 / 43 in dem jüdischen Waisenhaus Hagibor in Prag stattfand. Hier war Krása zuvor im Juli 1941 anlässlich des 50. Geburtstages des Direktors mit verschiedenen Künstlern und dem Sohn des Heimleiters, Rudolf Freudenfeld, zusammengekommen. Als Krása in diesem Kreise von seiner Kinderoper berichtete, waren alle Anwesenden sofort Feuer und Flamme und man entschied, das Werk endlich auf die – wenngleich nur improvisierte – Bühne des Waisenhauses zu bringen. Die Uraufführung selbst hatte der Komponist aufgrund seiner Deportation nicht mehr erleben können.

 

Als aber viele der Kinder und Angestellten des Heimes 1943 nach Theresienstadt gebracht wurden, gelangte – Rudolf Freudenfeld sei Dank – entgegen aller Vorschriften der Nazis auch ein Klavierauszug von »Brundibár« in das Getto, so dass Krása daraus eine Neufassung der Oper für die hier vorhandenen Instrumente (Streicher, Flöten, Klarinette, Trompete und Schlagwerk) rekonstruieren konnte. Die Uraufführung der Theresienstädter Fassung fand am 23. September 1943 in einem Saal auf dem Dachboden der sogenannten »Magdeburger Kaserne« statt. Und der Erfolg war überwältigend. Krása hatte es geschafft, den Kindern von Theresienstadt (aber natürlich auch jedem der erwachsenen Zuschauer) einen kleinen musikalischen Funken Hoffnung zu schenken: »Man ist so versunken, auf der Bühne, im Gesang – der Hunger ist weg, der Schmutz ist weg, die Angst …«, so erinnert sich Greta Klingsberg auch heute noch.

 

Bereits 1954 begann die Rezeptionsgeschichte von »Brundibár« in der Tschechoslowakei: zunächst durch einen Kurzfilm über die Oper, dann mit ersten Aufführungen. In Deutschland rückte das Werk erst später ins öffentliche Gedächtnis, nachdem die Benediktinerschwester Maria Veronika Grüters Ende der 1970er Jahre bei Recherchen zu ihrer jüdischen Familiengeschichte per Zufall auf einen Klavierauszug in tschechischer und hebräischer Sprache gestoßen war. So fand die deutsche Erstaufführung 1985 am St.-Ursula-Gymnasium in Freiburg im Breisgau statt, 1992 folgte am Theater Bielefeld die erste professionelle Inszenierung in deutscher Übersetzung. Mittlerweile ist „Brundibár" in verschiedene Sprache übersetzt und zum Mittelpunkt zahlreicher Kinder- und Jugend-Projekte zu den Themen »Nationalsozialismus« und »Holocaust« geworden. Ob in Schulaulen oder auf Theaterbühnen: »Brundibár« begeistert Kinder und Erwachsene rund um die Welt und regt zum Nachdenken an – über die Ereignisse damals wie auch über unsere Welt von heute und morgen.

Christian Steinbock