Ein besonderer Workshop zur Kinderoper Brundibár

Hofgeismarer Kinder auf einer Zeitreise in das Ghetto Theresienstadt

von Julia Drinnenberg

Zwölf Kinder der Brüder-Grimm-Schule in Hofgeismar beugen sich über

einen großen Stadtplan mit den eindrucksvollen Umrissen der ehemaligen

Bastion Theresienstadt, wie sie seit ihrer Entstehung im 18. Jahrhundert

aussieht. Nur die deutschen Straßennamen deuten auf die Zeit,

als Theresienstadt ein Ghetto für Juden war, ein Konzentrationslager nicht

weit von Prag entfernt und für viele tausend Menschen eine

Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager.

Die Hofgeismarer Schüler werden die Kasseler Inszenierung der Kinderoper

Brundibár besuchen. Sie möchten aber vorher erfahren, welche Geschichte

diese Oper hat, und vor allem, wie die damaligen jungen Darsteller in

Theresienstadt gelebt haben und was ihnen die Oper damals bedeutete.

Das kleine Modell eines Gebäudes auf dem Stadtplan markiert die

Magdeburger Kaserne. Hier wurde die Kinderoper Brundibár damals

aufgeführt.

 

Julia Drinnenberg und Gabriele

Hafermaas, Mitarbeiter der Jüdischen

Abteilung im Stadtmuseum Hofgeismar,

haben diesen Plan von Theresienstadt

gezeichnet und kleine Modelle für

einige der Gebäude darauf gestellt:

Zum Beispiel das Heim für die

Mädchen und die ehemalige Schule,

in der die Jungen untergebracht waren,

oder die Hohenelber Kaserne, die als

Krankenhaus diente.

Nach und nach werfen die Kinder einen „Blick“ in jedes dieser Gebäude

indem sie von Erlebnisse jüdischer Kinder in diesen Häusern hören.

Es sind die Tagebucheinträge und Erzählungen von Überlebenden. Helga

Polaks Tagebuch nimmt sie mit auf eine Zeitreise, wie sie ihre geliebte

Stadt Prag verlassen muss, und nach Theresienstadt deportiert wird, welche

Prozedur sie in der „Schleuse“, der Hamburger Kaserne über sich ergehen

lassen muss, um registriert wird und dann getrennt von ihren Eltern im

Zimmer 28 des Mädchenheims untergebracht wird.

Das Leben in Theresienstadt ist geprägt von Hunger, Ungeziefer, Schmutz,

bedrückender Enge ohne Privatsphäre, von der alltäglichen Begegnung mit

Krankheit und Tod und vor allem von der Angst vor dem Transport, von

dem niemand zurückkehrt. Dieser Ort auf der Karte, die „Bahnhofstraße“,

ist mit Eisenbahnschienen markiert und dem kleinen Modell eines

Viehwaggons. Darin wurden die Menschen in die Vernichtungslager

verschleppt.

 

Die Hofgeismarer Kinder hören aber zu ihrem Erstaunen aber auch die

Berichte von großer Solidaritat unter den Kindern, von ihrem heimlichen

Schulunterricht, von der Herstellung einer eigenen Zeitung. Unter den

elenden Lebensbedingungen entstanden Gedichte, wurden Bilder gemalt,

Theater und Musik gemacht als Zeichen dafür, dass sie kämpfen und ihren

Lebenswillen nicht verlieren wollten.

Die Zeitreise endete mit der persönlichen Geschichte Vera Naths, die als

Mädchen im Zimmer 28 in Theresienstadt lebte, und die den Krieg mit

Vater und Mutter überleben konnte. Vera Nath, verheiratete Kreiner, lebt

heute 90-jährig in Ramat Gan, Israel. Die Hofgeismarer Kinder hatten das

Glück mit ihr in Kontakt treten zu können und ihr Briefe mit ihren

Gedanken und Fragen zu schicken. Vera Kreiner ist eine der letzten

Zeitzeugen, die diese Fragen aus eigener Erfahrung beantworten kann.

Jetzt fragen wir uns, ob es Ihnen geholfen hat, Ablenkung zu finden in

dieser zerbrechlichen Welt“, schreibt Jason. Oder: „Gab es etwas, was

Ihnen geholfen hat, jeden Tag aufzustehen und weiterzumachen?“

Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Leben“ schreiben die Kinder mit

ihren Grüßen aus Hofgeismar und warten schon gespannt auf die Antwort

aus Israel.

Vera Kreiner mit ihrer Tochter Hagit und dem Sohn Amos (Foto: Avivit Kreiner)
Vera Kreiner mit ihrer Tochter Hagit und dem Sohn Amos (Foto: Avivit Kreiner)

Unsere Kooperationspartner

In gemeinsamer Arbeit mit den Kooperationspartnern wurde ein umfangreiches Rahmenprogramm für Brundibár auf die Beine gestellt, insbesondere gelingen so die zahlreichen Workshops für Kinder und Jugenliche in und um Kassel.

 

Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben

 

Stadtmuseum Hofgeismar

 

Institut für Musik der Universität Kassel

 

Das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben in Kassel begann mit der Zusammenarbeit mit den Workshops für die jungen Darsteller, in denen die Auseinandersetzung mit der Hintergrundgeschichte der Kinderoper Brundibár stattfand.

Außerdem bietet das Sara Nussbaum Zentrum weitere Workshops, Stadtführungen, Konzerte sowie Projektarbeit zu Brundibár in Verbindung mit Jüdischer Geschichte in Kassel und aktuellen Fragen der Toleranz und des Miteinanders für Gruppen und Schulklassen an.

 

 

Im Stadtmuseum Hofgeismar fand zu Beginn des Jahres eine Matinée zu Brundibár statt. Dabei wurde die Geschichte des Werkes mit der lokalen Geschichte Hofgeismars verknüpft. Besucher konnten von Schicksalen Hofgeismarer Juden erfahren, die zur Zeit des Nazionalsozialismus in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden.

Die Matinée wurde musikalisch vom CANTAMUS-Jugendchor begleitet.

Dazu veranstaltet auch das Stadtmuseum Hofgeismar Workshops in Schulen und Führungen durch das Museum.

 

In einem Seminar des Instituts für Musik der Universität Kassel zu Brundibár lernten Studierende das Werk und seine Geschichte kennen. Die angehenden Lehrer und Lehrerinnen erarbeiteten Ideen und Methoden zur Vermittlung dieser Inhalte an Kinder und Jugendliche. So wirken sie ebenfalls an Workshops in Schulen mit.

Im Rahmen des Seminars fand zudem eine Reise ins ehemalige Ghetto Theresienstadt statt.


Inspiriert - theater im gottesdienst

zum 15. TJO-Projekt BRUNDIBÁR

Sonntag, den 26.05. 2019 um 10 Uhr in der Martinskirche

 

Die Predigtreihe "Inspiriert!" in der Martinskirche zu ausgewählten Inszenierungen ist ein gemeinsames Projekt des Staatstheaters Kassel, der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und der Evangelischen Kirchengemeinde St. Martin.

mit dem CANTAMUS-Chor


Soirée zu Brundibár

Mitglieder des CANTAMUS-Jugendchores
Mitglieder des CANTAMUS-Jugendchores

Dienstag, den 28.05. 2019 um 18:30 Uhr im Schauspielhaus

 

Der Dramaturg Christian Steinbock gibt eine Einführung in das Werk und seine Geschichte, musikalisch begleitet mit Liedern von Ilse Weber und Hans Krása von Maria Radzikhovskiy, Elena Padva und dem CANTAMUS-Jugendchor.

 

Im Anschluss findet ein Gespräch mit der Regisseurin Franziska Schumacher statt. Außerdem haben Besucher die Gelegenheit, eine szenische Probe zu erleben.